Ein Faustisch Leben - Gelungene Premiere in der Stadtkirche

Von Melanie Machedanz (Delmenhorster Kreisblatt)

 

Als „Notlösung“ bezeichnete der Oldenburger Theatermacher Marcel Krohn die Premiere des Sommertheaters, denn „Ein Faustisch Leben“ konnte nicht vor, sondern musste in der Stadtkirche uraufgeführt werden. Am Ende kann die Notlösung als voller Erfolg gesehen werden.

 

Das Wetter wollte einfach nicht mitspielen. Ganz im Gegensatz zu den drei Delmödianten, die bei der Premiere des Sommertheaters ihr Bestes gaben, um das Ambiente in die Stadtkirche zu holen. Die ursprünglich für Samstag geplante Premiere von „Ein Faustisch Leben“ wurde wegen der Burginselträume am Freitag und Samstag auf Sonntag verlegt und dann – tat sich am Nachmittag der Himmel auf. Die Bühne auf der Wiese blieb leer, dafür wurde die Kirche mit Faust, Mephisto, Wagner und Grete gefüllt.

 

Ein Haleluja aus dem Publikum

Keine fünf Minuten hatten die Zuschauer, um sich in das Stück einzufinden, da waren sie direkt gefragt. Marie Theres Schwinn und Johannes Mitternacht fanden den schlafenden Marcel Krohn auf der Bühne vor. Mit einem vom Publikum gesungenen „Halleluja“ sollte er geweckt werden – wirkungslos. Die Version im Stile der Metalmusik des sonst so melodischen Dreiklangs verschaffte Abhilfe – und die Delmödianten konnten loslegen. Oder waren sie nicht ohnehin schon komplett in ihren Rollen? 

 

Faust und Mephisto diskutieren sich selbst#

Szenen aus Goethes Faust spielte Marcel Krohn als besagter Faust mit voller Seele. „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“ – ruft er verzweifelt in die Stadtkirche. Doch wie auch Goethes Faust hat Krohns Faust die Rechnung ohne Mephisto gemacht. 

 

Mephisto, der Teufel, für den in der dritten Reihe eigens ein Sitzplatz reserviert war, bringt den Gelehrten Faust zu einem Deal. Doch in Delmenhorst hat Faust eine weitere Fähigkeit: Schauspieler Johannes Mitternacht kann mit seinem Schnipsen die goethesche Szenerie anhalten und seine Meinung kundtun. Allerdings nicht, ohne den Teufel vollkommen abzulegen. Auch Fausts Gehilfe Wagner, also Marie Theres Schwinn, und Faust selbst alias Marcel Krohn steigen in diese Diskussionen ein. 

 

Carpe Diem oder auch: Wein für die Besucher

Und so kommen die Thesen und Probleme, denen Goethe sich vor 250 Jahren widmete, in der heutigen Gesellschaft an. Ehe der Zuschauer sich versieht, geht es um teure Hemden und „Carpe Diem“, den kitschigen Wandspruch. Krohn/Faust möchte „Nutze den Tag“ als etwas Produktives verstehen, während Mitternacht/Mephisto auch den Einkauf eines teuren Hemdes oder Autos sowie das Öffnen einer guten Flasche Wein als genutzten Tag sieht. Und als Beweis bekommt das Publikum Wein angeboten, der sowohl von Mephisto und Faust als auch den sechs Mitdarstellern verteilt wird. 

 

"Theater ist keine basisdemokratische Veranstaltung"

Von der Gretchen-Frage „Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“ geht es in Sekunden zur aktuellen Situation der Kirche und zurück in die Gedankenwelt von Goethes tragischen Hauptrollen. Und dann hakt es, als Gretchen oder Marie Theres Schwinn, die inzwischen den Wagner abgelegt hat, die Tropfen nicht annehmen will, damit ihre Mutter schläft und Faust sie besuchen kann. Mitternacht oder Mephisto versucht, ihr mit dem Text zu helfen, doch es ist etwas anderes: Das heutige Gretchen möchte kein tragisches Ende, möchte die Geschichte umschreiben. „Theater ist keine basisdemokratische Veranstaltung“, wettert Mitternacht oder Mephisto – so genau, lässt sich das schon längst nicht mehr sagen. Fausts Hauptfiguren diskutieren und beraumen 15 Minuten Pause an, um eine Lösung für den Ausgang des Stückes zu finden. 

 

Vor dem zweiten Teil fühlt sich der Pastor der Stadtkirche Johann Lehmhaus verpflichtet eine Warnung auszusprechen, an das schreckhafte Publikum: „Es wird geschossen werden.“ Und auch die Diskussionen zwischen Faust, Mephisto und Gretchen – sowohl der goetheschen als auch der von Krohn, Mitternacht und Schwinn – werden bis zum Schluss anhalten. Auch Faustliebhaber werden neue Facetten des Klassikers entdecken und neue Perspektiven aufgezeigt bekommen. Ganz so, wie Theatermacher Krohn im Vorfeld versprochen hat. „Ein Faustisch Leben“ ist nicht mehr Goethes Faust und doch sind die wichtigsten Szenen und Schlüsselsätze enthalten. Die Delmenhorster Version überrascht, regt zum Nachdenken an und ist keineswegs so tragisch wie das Original.