Geister, Psychopathen, Kriminelle - Atmosphärische Lesung am Kirchplatz: Delmödianten fesseln Publikum mit „Schauergeschichten“
Von Niklas Golitschek (Delmenhorster Kreisblatt)
Unter freiem Himmel vor der Stadtkirche Delmenhorst haben Emily Zoe Seidel und Marcel Krohn am Samstag „Schauergeschichten“ von Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann vorgetragen. Die hübsch dekorierte Örtlichkeit brachte jedoch Herausforderungen mit sich.
Ein Zufall hat Emily Zoe Seidel zu einem ihrer Lieblingsautoren geführt. „Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie Edgar Allan Poe“, verriet die Schauspielerin und Sprecherin am Samstagabend am Rande des Sommertheaters der Delmödianten in der Grünanlage der Stadtkirche Delmenhorst. Nämlich am 19. Januar. Deshalb habe sie bereits früh begonnen, die Werke des weltbekannten Schriftstellers zu lesen. Gemeinsam mit Marcel Krohn las Seidel nun den 40 Besuchern der Veranstaltung einige der Geschichten vor.
Ansprechender Rahmen vor grüner Kulisse
In der grünen Kulisse fanden die beiden dafür einen ansprechenden Rahmen vor. Die flache Holzbühne war schlicht gehalten. Ein Hochbett, ein dekorierter Stehtisch und ihr Lesebereich: ein Tisch mit LED-Kerzenleuchter, dazu je ein Glas Wasser und ein Glas Wein. Dazu das Mauerwerk des Gotteshauses im Hintergrund – mehr brauchte es nicht für ein abendfüllendes Programm mit erlesener Literatur.
Pulsierendes Stadtleben trifft historische Literatur
Gleichwohl stellte die Örtlichkeit Ansprüche an das Sprecher-Duo. „Draußen ist immer eine gewisse Anspannung. Schafft man es, über die Geräusche von außen wegzugehen und die Spannung hochzuhalten?“, schilderte Krohn. Zumal die Texte mit ihrer alten Sprache gewiss keine leichte Kost seien. Doch über fast zweieinhalb Stunden band er gemeinsam die Aufmerksamkeit des Publikums.
In der Grünanlage neben der Stadtkirche ist das gewiss kein Selbstläufer. Wenn der Wind an einem warmen Sommertag eine angenehme Prise Abkühlung und die Blätter in den Baumkronen zum Rascheln bringt, die Vögel im Hintergrund zwitschern, entsteht eine überaus atmosphärische Kulisse, deren Atmosphäre das gelegentliche Kirchenläuten noch verstärkt. „Es ist auch ganz schön, wenn man so in die Dunkelheit hineinliest. Das ist nochmal stimmungsvoller“, fand Krohn. Dann ist da aber noch die lebendige Stadt: lautstarke Passanten, schallende elektronische Musik, dröhnende Automotoren, Hubschrauber, Flugzeuge. In einem so ruhigen, konzentrierten Freiraum fallen diese Störgeräusche deutlich stärker auf als im pulsierenden Alltag.
Vorleser lassen sich nicht aus der Ruhe bringen
Von all dem ließen sich die beiden Vorleser nicht aus der Ruhe bringen. Mit einer angenehmen Lesegeschwindigkeit, fließenden Wechseln – wahlweise abschnittsweise oder zwischen Dialogen – trugen Seidel und Krohn die Texte vor. „Ich bekenne die Tat!“, schleuderte Krohn dem Publikum zum Beispiel entgegen, als legte er gerade selbst das Geständnis in „Das verräterische Herz“ ab: „Reißt die Dielen auf! – Hier, hier! – Es ist das Schlagen dieses fürchterlichen Herzens.“
Trotz der Hingabe zu den Werken Poes wollten Krohn und Seidel nicht nur Kurzgeschichten des Amerikaners präsentieren; die ähnelten sich dann doch zu sehr. Also nahmen sie auch weitere Literatur, etwa E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“, mit in ihr Programm auf. Zielsicher hangelten sie sich hier durch die Schachtelsätze und boten dem Publikum allein durch ihre Stimme einen Faden, um darin nicht selbst verloren zu gehen.
Aus dem Abend entließ Seidel die Gäste dann mit einem schaurig-schönen Gefühl. Zum Abschluss trug sie Annabel Lee vor: Trotz des Todes der Geliebten besteht die innige Bindung zu ihr unerschütterlich fort. „Ich finde das ein schönes Ende“, fand die Schauspielerin als bekennender Poe-Fan, und traf damit offensichtlich den Geschmack des Publikums. „Beeindruckend“, schwärmte eine Besucherin zum Abschied.