Der eingebildet Kranke - "Delmödianten" überzeugen mit Molière-Klassiker
Von Marco Julius (Delmenhorster Kreisblatt)
Unterhaltsam: Die „Delmödianten“ heimsen für Molières „Der eingebildete Kranke“ im 70er-Jahre-Stil unter freiem Himmel viel Applaus ein. Was das Sommertheaterfestival an der Stadtkirche jetzt noch zu bieten hat.
Sommerabend über blühendem Land. Ein paar Klappstühle. Ein Bühnenbild, das schnurstracks in die 70er Jahre entführt. Die Stadtkirche als Kulisse. Mit der Komödie „Der eingebildete Kranke“ von Jean-Baptiste Molière, sehr frei interpretiert und in eben diese bunten, aber mitunter doch noch arg spießigen 70er Jahre verlegt, bringt das Ensemble der „Delmödianten“ an diesem Sonntagabend das Herzstück des kleinen Sommertheaterfestivals zur Aufführung. Unter freiem Himmel, versteht sich. Rund 70 Gäste und eine paar Stadttauben sind dabei. Und sie erleben einen unterhaltsamen, leichten, mitunter gar beschwingten Abend, wie gemacht für den Ausklang eines Sommertages. Und sie wohnen wundersamen Verwandlungen bei.
Echte Verwandlungen
Da ist die Verwandlung des Platzes neben der Stadtkirche, urbaner Raum, der von den „Delmödianten“ wachgeküsst wird. Und da ist, natürlich noch wichtiger, die Verwandlung Rudi (Marcel Krohn), eben jenem titelgebendem „Kranken“. Ein Griesgram, Miesepeter, Stinkstiefel, Egomane. Missgelaunt und missgestimmt. Wie er die Rechnungen der Apotheker, Ärzte und sonstigen Scharlatane durchgeht, die ihn von seinen zahllosen eingebildeten Maleschen, Zipperlein und todbringenden Krankheiten befreien soll, ist purer Spaß. Die Liste der Heilmittel ist auch dem Publikum nicht unbekannt. Rudi jedenfalls möchte seine geliebte Tochter (Emily Zoe Seidel) mit dem Junior seines Arztes vermählen. Ein Arzt im Hause kann nicht schaden, schon gar nicht, wenn der ebenfalls Arzt und als Alleinerbe, Geld regiert die Welt, eine gute Partie ist. Krank zu sein, das muss man sich schließlich leisten können. Doch die geliebte Tochter hat längst andere Pläne und einen anderen Mann im Auge. Kevin Citozi spielt in einer Doppelrolle den jungen nervtötenden Arzt und den verliebten Auserwählten.
Frauen retten die Welt
Und dann ist da auch noch Rudis Frau (Sabine von Rothkirch), Stiefmutter der Tochter. Eine konsumgeile und durchtriebene Person, die heimlich das Ableben Rudis und die Erbschaft herbeisehnt. Da braucht es eine starke Frau, die das Knäuel entwirrt, Rudi heilt, das junge Liebespaar rettet und überhaupt etwas Bodenhaftung, Empathie und Frohsinn in die Welt bringt. Und diese Frau ist Marina, die patente Haushaltshilfe aus der Sowjetunion. Ramona Krohn gibt diese Marina mit ansteckender Spielfreude und herrlichem Akzent. Mit welchen Tricks und Kniffen die bodenständige Frau ihre kleinen Wunder verbringt, soll hier nicht verraten werden. Vergnüglich anzuschauen ist das allemal. Und sind es nicht doch immer Frauen, die diese Welt vielleicht nicht retten, aber doch Tag für Tag ein Stückchen besser machen? Und uns Männer allemal?